Stichworte:
Liebe, Meer, Romantik, Auto und Herz


Laura lag im heißen Sand, und genoss die Einsamkeit. Sanft rauschte das Meer im Hintergrund, die Sonne wärmte ihr die Haut. Ihr aufgewühltes Gemüt kam endlich zur Ruhe.
Dieser Urlaub war ursprünglich als Romantik-Urlaub geplant gewesen. Doch, Martin hatte sich von ihr getrennt.
Als Laura die Buchung für den Urlaub stornieren wollte, musste sie schmerzlich lernen, dass sie Last-Minute-Angebote nicht stornieren konnte, ohne großen finanziellen Verlust einzufahren. Sie würde auf dem Großteil der Kosten sitzenbleiben, und noch deprimierter in ihrer leeren Wohnung herumgammeln.
Also hatte sie sich spontan entschlossen, den Urlaub einfach allein anzutreten, die Ruhe und Einsamkeit zu genießen, und ihre Wunden zu lecken. Die Liebe war für sie ein für alle Mal gestorben.

Später am Tag stand Laura vor dem Büro der Autovermietungs-Agentur. Sie war ein wenig aufgeregt. Noch nie zuvor hatte sie sich einen Wagen gemietet, oder war allein am Meer entlanggefahren. Alles in Allem traute sie sich viel zu wenig zu und zweifelte permanent an sich selbst. Doch heute wollte sie mutig sein. Sie marschierte in das Büro, und meldete ihren Wunsch an. Für die Dame hinter dem Schreibtisch schien das nicht im Geringsten so aufregend zu sein, wie für Laura selbst. Sie zuckte noch nicht einmal mit den Wimpern, als Laura ihren gewagten Plan offenbarte.

Kurze Zeit später hielt Laura den Autoschlüssel in ihren verkrampften Fingern und wurde von der Dame, die nichts überraschen konnte, zu ihrem Mietwagen geführt. Nach ein paar kurzen Erklärungen und Tipps, stand sie allein in der Tiefgarage, vor einen süßen roten Beetle Cabrio und dachte an ihren waghalsigen Plan. Dann gab sie sich einen Ruck. Wenn sie jetzt nicht loslegte, würde sie es niemals tun. Also stieg sie ein, und pfriemelte mit zitternden Fingern den Schlüssel ins Zündschloss. Nachdem sie den Beetle drei Mal abgewürgt hatte, verließ sie langsam fahrend die Tiefgarage und fädelte sich in den Verkehr ein.
Ihre Unsicherheit legte sich nach kurzer Zeit. Sie fuhr in eine Parkbucht, und öffnete das Verdeck des Cabrios. Befreit brauste sie weiter auf der Küstenstraße entlang. Ihr schwarzes Haar flatterte, und ihre Augen tränten vom Fahrtwind. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, kramte sie in ihrer Handtasche nach ihrer Sonnenbrille. Sie konnte sie nicht ertasten, also schnellte ihr Blick immer wieder zwischen Straße und Tascheninhalt hin und her. Sie wühlte weiter, während ihre Haare ihr um die Ohren flogen.
Während sie sich noch Gedanken darüber machte, wie unglaublich uncool sie wohl gerade aussah, übersah sie den männerfaustgroßen Gesteinsbrocken auf der Straße. Sie fuhr mit dem linken Vorderreifen darüber. Es rumpelte, und das Lenkrad machte sich selbstständig. Das Auto kam ins Schleudern während Laura verzweifelt versuchte, wieder Frau der Lage zu werden. Der zerstörte Vorderreifen machte ihr allerdings einen Strich durch die Rechnung. Immerhin konnte sie verhindern, mit der Leitplanke zusammenzukrachen, während sie hilflos über die komplette Breite der Straße schlingerte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der Beetle zum Stehen, direkt in einer Kurve, quer zur Straße.
Zittern und keuchend saß Laura im Auto, und hielt das Lenkrad umklammert, als hinge ihr Leben davon ab. Sie hatte das Gefühl, sie könne sich nur in Zeitlupe bewegen, als sie sich umsah. Weit und breit war nichts und niemand zu sehen, außer der Straße und das Meer, auf das sie nun starrte, während sie um Atem rang.

Als sie sich etwas beruhigt hatte, und der erste Schreck abflaute, stieg sie mit zitternden Knien aus, und begutachtete das Auto. Der linke Vorderreifen war komplett zerfetzt, aber ansonsten schien das Auto keinen Schaden davon getragen zu haben.
„Na toll, jetzt muss ich auch noch den Reifen wechseln.“ Laura war den Tränen nahe. Sie hatte noch nie einen Reifen gewechselt. Mit Werkzeug konnte sie nicht gut umgehen.

Während sie noch neben ihrem Mietwagen, mitten auf der Straße stand und auf den zerstörten Reifen starrte, näherte sich ein Auto. Laura registrierte den Motor erst, als das Auto schon gefährlich nahe war. Und natürlich konnte sie in der Kurve erst im letzten Moment gesehen werden.
Erschrocken sprang Laura auf die Leitplanke zu, und machte sich gerade daran, darüber zu klettern, als das andere Auto aus der Kurve geschossen kam. Entsetzt starrte sie auf den panischen Gesichtsausdruck des jungen Fahrers. Doch im Gegensatz zu ihr war er achtsam und reagierte richtig. So konnte er dem Beetle knapp ausweichen, und kam ein paar Meter dahinter, auf dem Grünstreifen, zum Stehen. Eilig stieg er aus.
Schweigend starrte der Fremde auf den Beetle, dann auf Laura, dann wieder auf den Beetle. Zuletzt blieb sein Blick an ihr hängen, und endlich wurde ihr bewusst, was für einen lächerlichen Anblick sie wohl gerade bieten musste. Sie saß rittlings auf der Leitplanke und starrte ihn mit großen Augen an, als wäre sie eine verdammte Irre.
Mit hochrotem Kopf räusperte sie sich, und kletterte linkisch von der Leitplanke herunter. Dann stand sie da, blickte verlegen zu Boden und spielte nervös mit ihren Fingern.
„Alles okay?“
Laura sah auf und versuchte zu lächeln. „Ja, ich denke schon. Bei dir auch alles okay?“
Der junge Mann nickte, dann kehrte er zu seinem Auto zurück und wühlte im Kofferraum. Er förderte ein Warndreieck zu Tage.
„Ich bin gleich wieder da.“ Er verschwand um die Kurve und kam kurz darauf wieder zurück.
Laura schimpfte sich eine Idiotin. Auf diese Idee hätte sie auch kommen können.
„Hast du einen Ersatzreifen im Auto?“
„Ich … ich weiß nicht. Das ist ein Mietauto.“
„Das schau ich mir gleich an. Soll ich für dich im Vermietungsbüro anrufen und nachfragen, was jetzt passieren soll?“ Er sah sie mitfühlend an und wartete auf eine Antwort.
Laura schallte sich in Gedanken, dass sie sich endlich zusammenzureißen musste, und atmete tief durch.
„Ähm, ich denke, ich schaff das schon. Vielen Dank.“ Wie in Zeitlupe griff sie nach ihrer Tasche auf dem Beifahrersitz und wühlte nach ihrem Handy. Als erstes purzelte ihr ihre Sonnenbrille entgegen. „Na klar, jetzt kommst du daher“, murmelte sie grantig, und suchte weiter nach ihrem Handy.
„Bitte?“ Der junge Mann war nähergekommen, und sah sie fragend an.
„Ach nichts“, grummelte sie.
„Ok?“ Unschlüssig stand er auf der Straße und betrachtete den Schaden am Auto. „Ich versuche mal, den Wagen von der Straße zu schieben. Am besten auf die andere Seite, in die Wiese. Da hast du dir nämlich eine ganz schön gefährliche Stelle ausgesucht, um eine Reifepanne zu haben.“
Laura sah genervt auf, doch er hatte sich bereits von ihr abgewandt. Sie betrachtete ihn, während sie darauf wartete, dass im Autovermietungsbüro jemand ans Telefon ging.
Er war elegant gekleidet, trug einen Anzug und Krawatte, die er gerade lockerte. Im Gegensatz zu seiner ordentlichen Kleidung, kringelten sich seine lockigen Haare frech über den Hemdkragen.
Er zog das Jackett aus, faltete es fein säuberlich und legte es in seinem Auto auf den Beifahrersitz. Dann krempelte er die Ärmel seines blütenweißen Hemdes hoch, während er zurück zum Beetle schlenderte. Mit einem kurzen Blick prüfte er, ob die Handbremse gelöst war, und nahm den Gang heraus. Als wüsste er, was er zu tun hatte, schlug er das Lenkrad vollständig ein, und drückte den Wagen nach vorne. Laura beobachtete, wie er vor Anstrengung einen roten Kopf bekam. Dann ging endlich jemand ans Telefon.
Laura schilderte die Situation, während sie zusah, wie ihr junger Retter den Wagen ins Grüne an die Felswand schob, und somit die Straße freimachte.

Nachdem Laura das Telefonat beendet hatte, gesellte sie sich zu ihm.
„Sie schicken einen Abschleppwagen.“ Verlegen lächelte sie.
„Sehr gut. Musst du warten, oder soll ich dich mitnehmen?“
Laura sah überrascht auf.
„Ähm, ich muss nicht warten, hat die Dame am Telefon gesagt. Sie schickt mir ein Taxi.“
Er nickte nachdenklich.
„Ruf sie nochmal an. Sie kann das Taxi absagen. Ich nehme dich mit.“
„Okay?“, Laura war hin und hergerissen. Sie würde sich gerne erkenntlich zeigen, für seine rasche Hilfe. Er schien sehr nett und hilfsbereit zu sein. Aber, war es wirklich eine gute Idee, zu einem wildfremden ins Auto zu steigen?
„Öhm, das ist sehr nett von dir. Ich warte auf das Taxi. Du hast mir schon mehr als genug geholfen. Ich weiß gar nicht wie ich mich erkenntlich zeigen kann.“
„Wenn du dich erkenntlich zeigen willst, dann geh heute Abend mit mir Essen.“ Er grinste schelmisch. „Ich bin beruflich hier, und meine Geschäftspartner sind sehr anstrengend. Ein Abendessen in netter Gesellschaft wäre sicher eine schöne Abwechslung.“
„Ich weiß nicht“, murmelte Laura und sah ihn verunsichert an.
Er lächelte, griff in die Brusttasche seines Hemdes und zog eine Visitenkarte heraus. „Mach dir keine Gedanken. Es war nur ein Angebot. Falls du es dir anders überlegst, ruf mich an. Ich muss leider weiterfahren. Ich habe noch einen wichtigen, aber langweiligen und besonders nervigen Termin. Brauchst du sicher keine Hilfe mehr?“
Laura nahm die Karte entgegen, schüttelte aber den Kopf. Allein zurückzubleiben behagte ihr nicht, aber es wurde endlich Zeit, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.
„Vielen Dank, ich brauche keine Hilfe mehr. Ich muss ja nur noch warten, bis das Taxi kommt. Danke, für deine Hilfe, Ich werde mich sicher erkenntlich zeigen. Deine Nummer habe ich ja.“ Sie lächelte, und der junge Mann grinste spitzbübisch zurück.
„Ich würde mich sehr freuen, von dir zu hören.“ Dann ging er zu seinem Auto, und kurze Zeit später war er auch schon davongebraust.

Das Taxi ließ nicht lange auf sich warten, und es brachte Laura wieder zurück zu ihrem Hotel. Dort saß sie nun in ihrem Zimmer und dachte nach. Die Visitenkarte hielt sie in der einen Hand und das Handy unschlüssig in der anderen. Er hieß Michael und arbeitete für einen großen Software-Anbieter. Sollte sie ihn anrufen, und ihn zum Dank zum Essen einladen?
„Nein,“ murmelte sie zu sich selbst, „das lasse ich lieber. Kein Ärger mehr mit Männern.“ Laura ließ die Visitenkarte in den Papierkorb flattern, schnappte sich ihre Tasche und ein Jäckchen, und verließ das Hotelzimmer. Um den Kopf freizubekommen, wollte sie am Strand spazieren gehen und den Sonnenuntergang bewundern, so wie sie es jeden Abend gemacht hatte, seit sie hier im Hotel war.

Die Sonne war fast untergegangen, und Laura saß fröstelnd im Sand. Sie hatte sich noch nicht aufraffen können, wieder zurück ins Hotel zu gehen. Sie war ein wenig niedergeschlagen, weil dieser Tag einfach nicht so gelaufen war, wie sie sich das gewünscht hatte. Dass ihr erster Befreiungsversuch so kläglich gescheitert war, das wurmte sie sehr. Außerdem dachte sie immer wieder an Michael. Obwohl er, ihrer Nachlässigkeit geschuldet, fast einen Unfall gebaut hatte, hatte er ihr geholfen, ganz ohne eine Gegenleistung zu verlangen.
Seufzend stand sie auf, und machte sich auf den Weg zurück ins Hotel. Vielleicht könnte sie doch noch die Visitenkarte aus dem Papierkorb fischen und Michael anrufen. Immerhin wollte sie sich erkenntlich zeigen, für seine selbstlose Tat.

Laura kam nicht weit, denn am Strand kam ihr jemand entgegen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie spät und dunkel es schon war. Sofort fühlte sie sich mulmig und blieb stehen. Doch, es war Michael, der auf sie zukam, mit einer Flasche und zwei Gläsern in der Hand.
„Hey, ich dachte schon, ich habe dich verpasst. Du bist ja ganz schön weit gelaufen,“ rief er ihr heiter entgegen.
Laura sah ihn skeptisch an.
„Woher weißt du, dass ich hier bin?“
„Oh, wir wohnen im gleichen Hotel, denn ich saß gerade mutterseelenallein beim Abendessen, als ich dich zum Strand marschieren sah. Dann dachte ich mir, wenn du nicht zum Abendessen kommst, bringe ich das Abendessen eben zu dir.“
Fröhlich pfeifend legte Michael die Weinflasche und die Gläser in den Sand. Dann zauberte er aus einem Beutel eine rot-weiß-karierte Tischdecke, ein paar, in Aluminiumfolie eingewickelte Päckchen und zu guter Letzt kam noch ein kleines Blumengesteck zum Vorschein. Auf dem feuerwehrautoroten Töpfchen prangte ein weißes Herz.
Nachdem Michael alles auf der karierten Tischdecke ausgebreitet hatte, sah er Laura einladend an.
„Darf ich zu Tisch bitten?“
„Du bist ja verrückt.“ Laura lachte auf, dann erschrak sie und stammelte los. „Ich meine, gut verrückt … also … nicht so verrückt verrückt … also … eher so …. so nett verrückt.“ Sie seufzte. „Und jetzt halte ich besser den Mund, denn die einzige Verrückte hier bin ich.“
Michael prustete los.
„Ich liebe verrückte Menschen. Da erlebt man immer die tollsten Abenteuer.“ Schelmisch zwinkerte er ihr zu, und hielt ihr einladend seine Hand entgegen.
Laura lachte auf, griff nach seiner Hand, und setzte sich mit ihm auf die Tischdecke im Sand.
„Also, nochmal von ganz vorne.“ Michael grinste, während er die Weinflasche entkorkte. „Hi, ich bin Michael, und ich bin verrückt. Wie heißt du? Und wie würdest du dich mit einem Wort beschreiben?“
Laura kicherte los, bis sie einen Hustanfall bekam. „Hallo, ich bin Laura, und ich denke, ich habe das Verrücktsein für mich gepachtet.“ Sie kicherte wieder.
„Hallo Laura, schön, dich kennenzulernen.“

Ende


Alles Liebe
Eure Lisa


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© Lisa Larsen – www.lillemorlisalarsen.com

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